Helen Keller – Sprache bei Taubblinden

Die junge Lehrerin Anne Sullivan lässt Wasser aus einem Brunnen über die Hände ihrer Schülerin Helen Keller laufen. Sie teilt ihr mit, dass diese Flüssigkeit, die dort aus dem Brunnen kommt, Wasser heißt. Diese berühmte Szene ist der Wendepunkt in einer der eindrucksvollsten Biografien, die ich je gelesen habe und an die ich jetzt durch einen Artikel von Spiegel Online erinnert wurde. Denn Helen Keller war taubblind, konnte also weder sehen noch hören, und schaffte es trotzdem, das College abzuschließen und zu einer politischen Aktivistin zu werden.

Doch wie funktioniert das? Ein tauber Mensch kann keine Lautsprache benutzen, weil die akustischen Reize fehlen. Wenn der Mensch dann wie Keller gleichzeitig auch nicht sehen kann, ist auch keine Gebärdensprache. Die Lösung ist das Fingeralphabet. Buchstaben werden dabei durch bestimmte Berührungen an der Hand übermittelt. Eine deutsche Version ist auch unter dem Begriff Lormen bekannt.

Anne Sullivan brachte Helen Keller auf diese Weise zunächst das Wort „Wasser“ (genauer gesagt das englische „water“) und dann viele weitere Wörter bei, so dass das taubblinde Mädchen die englische Sprache lernte, ohne jemals den Klang und das Schriftbild wahrnehmen zu können. So fand Keller einen Zugang zur Welt, statt abgeschieden im Dunkeln und Stillen zu leben. Sie schaffte den Abschluss am Radcliffe College mit Auszeichnung, lernte sogar mehrere Fremdsprachen, u.a. Deutsch, und wurde Ehrendoktorin der berühmten Harvard University. Sie verfasste mehrere Bücher und engagierte sich politisch für die Rechte von Minderheiten und die Anerkennung von Menschen mit Behinderung.

Viele Menschen, die über eine uneingeschränkte Sinneswahrnehmung verfügen, schaffen es noch nicht mal, an der Universität zu studieren. Wenn man sich dann immer wieder bewusst macht, dass Helen Keller ihre Karriere absolvierte, obwohl sie taubblind war, zeigt diese Geschichte deutlich, zu welchen Leistungen Menschen imstande sind. Wir reden hier übrigens nicht über eine Geschichte aus der Gegenwart, in der es vielleicht Hilfe mit moderner Technik gäbe. Die erste Begegnung zwischen Sullivan und Keller gab es 1887.