Wie sich Corona und die Pandemie sprachlich entwickeln

Das Coronavirus SARS-CoV-2 und die damit verbundene Pandemie beherrschen weiterhin die Medien und das öffentliche Leben. In meinem anderen Blog habe ich diese Woche schon dargestellt, was in der Krise plötzlich alles geht. Es ist aber auch interessant zu sehen, wie sich das ganze Thema sprachlich entwickelt. Daran kann man einiges über den Umgang mit dem Virus erkennen.

Wie sprechen wir über das Coronavirus, COVID-19, die Pandemie und ihre Folgen?

Das neuartige Coronavirus

Die ganze Geschichte begann bekanntlich in der chinesischen Großstadt Wuhan. Zu Beginn wusste niemand so recht, was sich da gerade verbreitet. Nach ersten Untersuchungen wurde der Übeltäter als neuartiges Coronavirus bezeichnet. Damit war das Wort in der Welt, das mittlerweile auch alle Europäer kennen. Da das Thema zunächst räumlich weit entfernt und nur ein Thema für die Nachrichten aus dem Ausland war, beschäftigten sich die Menschen in Deutschland wenig damit. Deshalb entwickelte sich der Begriff Coronavirus zur allgemein gebräuchlichen Bezeichnung für das Virus. Dabei wurde übersehen, dass die Coronaviren – oder wissenschaftlich korrekt Coronaviridae – eine ganze Familie von Viren sind. Das neuartige Coronavirus ist eben nicht nur neuartig, weil es gerade erst erforscht wird, sondern weil es eben das neuste Familienmitglied ist.

Der komplizierte Name SARS-CoV-2

Als Abkürzung für das Virus entstand zunächst 2019-nCoV, inklusive der Jahreszahl des ersten Auftretens also. Etwas später erhielt das neue Virus seinen heutigen Namen SARS-CoV-2. Diese Bezeichnung setzte sich aber im alltäglichen und medialen Sprachgebrauch bisher nicht durch. Der erste Grund ist offensichtlich: Die Abkürzung, die für „severe acute respiratory syndrome coronavirus 2“, also ein „schweres akutes Atemwegssyndrom Coronavirus 2“ steht, ist sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen kompliziert und das kann sich kaum jemand merken. Hinzu kommt als zweiter Grund die Verwechslungsgefahr. Die Abkürzung erinnert an die SARS-Pandemie, die 2002 begann und ebenfalls von China ausging.

COVID-19 kommt hinzu

Dann kam noch ein Begriff ins Spiel, der die sprachliche Unterscheidung noch schwieriger machte: COVID-19. Etwas deutlicher wird die Bedeutung, wenn wir die Abkürzung auflösen. Die Zahl am Ende ist wieder die Jahreszahl und die Buchstaben stehen für „corona virus disease“. Es handelt sich also um die Krankheit, die vom neuen Virus ausgelöst wird.

Begriffe verdeutlichen die Entwicklung

Der Begriff COVID-19 findet sich allmählich häufiger in Medienberichten, deren Verfasser Wert auf Genauigkeit legen. Daran zeigt sich, dass wir uns mittlerweile intensiver mit dem Thema beschäftigen. Als der Virus noch in China war, interessierten sich eher wenige Menschen in Deutschland dafür. Menschenleere Straßen und der schnelle Neubau eines Krankenhauses wurden als Kuriositäten wahrgenommen. Dann gab es im Februar die ersten Fälle in Deutschland und die Menschen begannen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Aber COVID-19 wurde als eine zusätzliche Grippe wahrgenommen. Die ersten Wortspielakrobaten entdeckten, dass das Virus den gleichen Namen trägt wie ein bisher kaum beachtetes Bier.

Spätestens mit den ersten Absagen von Veranstaltungen und dem Abbruch von laufenden Sportsaisons wurde das Thema auch in Deutschland ernst. Sprachlich wurde aus der Epidemie, also einem räumlich begrenzten Auftreten einer Krankheit, eine Pandemie, also eine auf mehrere Kontinente verbreitete Krankheit. Dass die WHO diesen Begriff benutzte, verdeutlichte die Verschärfung der Situation. Das Coronavirus etablierte sich als griffiges Schlagwort auf Nachrichtenseiten und Hashtag auf Social-Media-Plattformen, ohne Beachtung der oben beschriebenen Ungenauigkeit.

Wörter und Hashtags verbreiten sich

Auch andere Begriffe, die sonst in der alltäglichen Berichterstattung keine Rolle spielen, tauchen nun regelmäßig auf – von Hamsterkäufen über Klopapier und Homeoffice bis Erlass und Ausgangssperre. Daran kann man erkennen, wie die Situation von Tag zu Tag schwieriger wird. In den Social-Media-Beiträgen verbreiten sich neben schädlichen und dummen Fake News außerdem neue Hashtags, an denen man die Entwicklung ebenfalls ablesen kann. Mit #bleibzuhause und dem englischsprachigen Pendant #stayathome sowie dem #homeoffice wird darauf verwiesen, dass man derzeit möglichst wenig das Haus verlassen soll, vor allem Gruppenbildungen vermeiden soll. Die Beschäftigungen und Ideen, die daraus resultieren, werden verbreitet, indem den englischsprachigen Hashtags noch das Wort challenge für Herausforderung anhängt.

Der problematische Begriff „social distancing“

Ein weiterer Begriff, der jüngst ins Spiel kam, ist hingegen problematisch. Mit dem Schlagwort „social distancing“ wird auf die Notwendigkeit verwiesen, Abstand zu anderen Menschen zu halten. Schwierig ist dieser Ausdruck vor allem, wenn er fälschlich als soziale Distanzierung übersetzt und verstanden wird. Denn es geht nur um räumlichen Abstand zu anderen Menschen, die bekannten ein bis zwei Meter, die die Infektionsgefahr verringern sollen. Sozialen Kontakt zu anderen Menschen müssen wir aber jetzt trotzdem halten. Das funktioniert schließlich auch mit dem räumlichen Abstand oder über technische Hilfsmittel wie Telefon und Internet. Dann können sich ganz alte Wörter durchsetzen: Rücksichtnahme, Vernunft und Zusammenhalt.