Von der LTI bis zur Putin-Proganda: Sprache im Krieg

Wer einen Krieg vorantreibt, nutzt dazu neben Waffen und kampfbereiten Menschen auch eine entsprechende Sprache. Mit der passenden Propaganda wird die Wahrheit über die brutalen Verbrechen in der Öffentlichkeit verdeckt. Den Menschen, die an der Front kämpfen müssen, und dem Volk wird suggeriert, dass die Krieger Helden seien.

Mit der passenden Sprache und Propaganda werden Kriegstreiber unberechtigt zu Helden erklärt.

Die LTI als Sprache der Nazis

Victor Klemperer veröffentlichte 1948 sein berühmtes Buch LTI – Notizbuch eines Philologen. Die Abkürzung steht für den von ihm erfundenen Begriff „Lingua Tertii Imperii“. Menschen mit Lateinkenntnissen können das als „Sprache des Dritten Reichs“ übersetzen. Genau darum geht es in dem Buch. Klemperer beschreibt, wie die Nationalsozialisten mit der Sprache und der damit verbundenen Propaganda das Volk manipuliert haben.

Dass er den lateinischen Begriff in eine Abkürzung packt, ist schon eine Anspielung auf zahlreiche Abkürzungen der Nazi-Zeit von SS und KZ bis zu HJ und BDM. In eine ähnliche Richtung geht übrigens die ironische Abkürzung Gröfaz. Klemperer spricht auch über den (sprachlichen) Größenwahn der Nazis mit völlig übertriebenen Vorstellungen wie dem tausendjährigen Reich sowie ständiger Wiederholung von Heldenbegriffen. Demgegenüber steht die sprachliche Diffamierung von Juden und anderen Feinden, die mit Krankheiten und lästigen Tieren gleichgesetzt wurden. Darauf folgte dann die physische Vernichtung beim Massenmord. Der Holocaust wiederum und alles, was damit zusammenhängt, wurde in der Propaganda verdeckt. Da war dann bekanntlich von „Endlösung“, „Sonderbehandlung“ und ähnlichem die Rede.

Die folgende Grafik fasst Klemperers Erkenntnisse zusammen (Tim Bauerschmidt, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons).

Kategorisiertes Exzerpt aus Victor Klemperers "LTI - Notizbuch eines Philologen"

Propaganda in allen Zeiten, mit allen Mitteln

Die Propaganda in Form von sprachlicher und psychologischer Manipulation gab es nicht erst in der NS-Zeit. Schon die Herrscher im Römischen Reich (zum Beispiel Augustus) versuchten, sich so gut wie möglich darzustellen. Die Beeinflussung durch mächtige Menschen zieht sich durch alle Epochen. Vor allem in Kriegszeiten und zur Aufrechterhaltung totalitärer und autoritäter Herrschaften sieht und hört man, wie die Machthaber alles schönreden und verschleiern.

Das Wort Propaganda stammt von dem lateinischen Verb propagare, das soviel wie „verbreiten“ oder „ausdehnen“ bedeutet. Daran erkennt man, worum es geht. Möglichst vielen anderen Menschen möchte man seine eigene Meinung aufgezwingen. Alle sollen glauben, dass das, was der Machthaber tut, richtig und gut ist. Deshalb ist Propaganda vor allem bei negativ bewerteten Umständen wie Krieg und Gewaltherrschaft nötig. Offene Kritik gefährdet schließlich den Machterhalt. Daher müssen die positiven Bilder die negativen Bewertungen verdrängen. Propaganda ist somit das Gegenteil von Freiheit. Gut zusammengefasst ist das in dem berühmten Zitat: „Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit.“

Wie das durchgesetzt wird, ändert sich im Laufe der Zeit. In antiken Zeiten waren es neben den Worten irgendwelche Heldenstatuen oder geschönte Porträts. Später folgte die Propaganda dem technischen Fortschritt der Medien. So waren für die Nazis in ihren gleichgeschalteten Medien beispielsweise das als Volksempfänger bezeichnete Radio und die bewegten Bilder in der Wochenschau wichtig.

Russische Propaganda beim Krieg in der Ukraine

Damit kommen wir zum eigentlichen Anlass für diesen Beitrag, nämlich Putins Krieg in der Ukraine (über andere Erkenntnisse daraus habe ich vor wenigen Tagen einen Beitrag in meinem anderen Blog Kein Blatt geschrieben). Die Russen kennen sich schon länger mit intensiver Propaganda aus. Die meisten Medien dort verbreiten die Fake News aus dem Kreml und es gibt zahlreiche Verschwörungstheorien über den Westen als Feindbild. Auch der Zusammenbruch der Sowjetunion, den einige Russen nicht verkraftet haben, spielt eine Rolle.

Besonders deutlich wird das seit dem völkerrechtswidrigen und brutalen Einmarsch in die Ukraine. Es gibt keine offizielle Kriegserklärung, weil Putin den Krieg nicht Krieg nennen will. Wie unsinnig die Behauptung einer Entnazifierung ist, zeigt sich schon daran, dass die überfallene Ukraine von einem jüdischen Präsidenten regiert wird. Russland ist aber schon so lange und intensiv mit Propaganda und Drohungen manipuliert, dass es nicht genug Widerstand im Land gibt.

Wie erfolgreich Putin damit ist, zeigt sich auch bei uns. Da rede ich jetzt nicht von irgendwelchen Menschen von den politischen Rändern. Auch in unseren politischen Talkshows wirkt die russische Propaganda teilweise. Wenn sie von den Gefahren der Atomwaffen reden und sogar einen Dritten Weltkrieg hinaufbeschwören, tun einige Diskussionsteilnehmer genau das, was Putin erreichen will. Der Diktaktor in Moskau will Angst verbreiten und den Westen einschüchtern und zerreißen.

Kriegsparteien und schwere Waffen

Auch in anderen Aspekten rund um den Krieg in der Ukraine-Krieg offenbaren sich sprachliche Probleme. So reden die deutschen und andere westliche Politiker immer wieder davon, dass die Nato auf keinen Fall Kriegspartei werden dürfe. Aber sie sagen nicht genau, ab wann man eigentlich Kriegspartei ist. So verkommt der Begriff zu einem inhaltsleeren Schlagwort.

Bei den Diskussionen um Waffenlieferungen an die Ukraine erfreut sich ein weiterer Begriff großer Beliebtheit. Es sind die sogenannten schweren Waffen. Auch dieser Ausdruck wird immer wieder benutzt, ohne ihn zu definieren. Es wäre einfacher oder verständlicher, wenn man die Waffen genauer benennt. Geht es um Panzer, Raketen oder andere Waffen? Aber solcher Klartext gilt dann als zu gefährlich, weil der Feind einem in die Karten schauen könnte. Im Krieg verschleiert man sprachlich eben alles.