Zu viel gesagt: Die Welt des Pleonasmus

Diese Woche ist sie mir wieder begegnet, nicht persönlich, aber in einem Online-Artikel. Ich rede von der weiblichen Kandidatin. Das ist für mich der Anlass, mich in diesem Beitrag mal mit dem Pleonasmus zu beschäftigen. Diese rhetorische Figur taucht immer auf, wenn jemand – unwissend oder wegen nachlässiger Behandlung der Sprache – Begriffe unnötig erweitert.

Läuferin in der Dämmerung
Wir können diese Frau Läuferin, Joggerin oder Sportlerin nennen, aber bitte nicht weibliche Läuferin.

Also, was ist nun falsch an der weiblichen Kandidatin? Das Adjektiv ist überflüssig. Durch die Endung -in beim Substantiv „Kandidatin“ ist schon klar, dass wir über einen weiblichen Menschen reden. Dafür brauchen wir keine Ergänzung durch das Adjektiv „weiblich“. Die Kombination ist ungefähr so sinnlos, wie ein weiblichen Menschen als Fraufrau zu bezeichnen. Natürlich gilt das nicht nur für die Kandidatin, sondern für alle Substantive, die durch eine entsprechende Endung schon das natürliche Geschlecht anzeigen, also beispielsweise auch die Verkäuferin, die Managerin und die Stewardess.

Ein Pleonasmus kommt nicht nur bei solchen geschlechtsspezifischen Begriffen vor. Das Phänomen, dessen Bezeichnung vom griechischen Wort πλεονασμóς für Überfluss oder Übertreibung stammt, begegnet uns auch an anderen Stellen. Ihr habt doch sicherlich schon mal die verzweifelte Aussage gehört, dass das Chaos vorprogrammiert sei, wenn irgendwas schiefläuft. Wer so etwas sagt, hat keine Ahnung vom Programmieren. Denn dabei geht es immer um Aktionen, die in der Zukunft ausgeführt werden. Die Vorsilbe vor- ist also überflüssig. Ähnliches gilt für die Zukunftsprognose. Ein Prognose ist immer eine Aussage über die Zukunft.

Sehr häufig hört und liest man mittlerweile auch, dass irgendwas angeblich passiert sein soll. Na, erkennt ihr hier den Pleonasmus? Es ist die Kombination von „angeblich“ und „soll“. Beide Wörter drücken aus, dass der Sprecher eine ungesicherte Information weitergibt, die er selbst nicht bestätigen kann. Es reicht also, wenn man sagt, dass das Ereignis angeblich passiert ist oder passiert sein soll. Ein weiteres Beispiel, nämlich die Aussage, jemand sei mit dabei, habe ich an anderer Stelle schon behandelt. Es reicht, dabei zu sein, wenn man partizipieren möchte.

Andere Pleonasmen sind schwieriger zu erkennen. Um festzustellen, dass ein Fußpedal in diese Kategorie gehört, muss man wissen, dass der Fuß schon im Pedal steckt. Letzteres kommt nämlich vom lateinischen Wort „pes“ und das bezeichnet nun mal den untersten Teil unseres Körpers. Etwas offensichtlicher und dennoch weit verbreitet sind die typischen Kombination aus einer Abkürzung. HIV steht für das humane Immundefizienz-Virus und PIN für die persönliche Identifikationsnummer. Somit sind Dopplungen wie „HIV-Virus“ und „PIN-Nummer“ unsinnig.

Sind Pleonasmen jetzt immer schlecht? Nein, in manchen Fällen können sie rhetorisch oder stilistisch eingesetzt werden, um eine Aussage zu verstärken. Wenn ich sage, dass ich etwas mit eigenen Augen gesehen habe (womit denn sonst?), möchte ich betonen, dass ich es wirklich gesehen habe. Außerdem kann ich damit herausstellen, dass ich es persönlich vor Augen hatte und nicht nur über ein Foto oder Video indirekt gesehen habe.

Letztlich gilt auch hier der Appell: Achtet auf eure Sprache und denkt nach, bevor ihr etwas sagt!