Was macht eine große Rede aus?

Rhetorik ist die Kunst der großen Rede. Wir alle sprechen jeden Tag mit anderen Menschen über mehr oder weniger wichtige Themen. Manchmal stellen wir uns auch vor eine Gruppe von Menschen und halten eine Rede. Doch nur wenigen Reden sind so gut und bedeutend, dass sie in die Geschichte eingehen und viele Jahre später noch bekannt sind. Doch was macht eine große Rede aus?

Antike Vorbilder

Die ersten großen Redner gab es bereits in der Antike. Bei den Römern war Cicero ein Meister in diesem Fach, im alten Griechenland waren Sokrates und sein Schüler Platon prägend für die Entwicklung der Rede. Sie prägten auch einige Stilmittel und Grundregeln der Rhetorik. Von ihnen können auch moderne Redner lernen.

Martin Luther King und sein Traum

Schauen wir uns mal eine der berühmtesten Reden überhaupt an. Martin Luther King hielt sie am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington. Bekannt sind daraus vor allem die Worte „I have a dream“. Kings Traum war eine Welt, in der die Menschen unabhängig von ihrer Hautfarbe friedlich und gleichberechtigt miteinander leben können. Damit haben wir schon mal ein wichtiges Element: Eine Rede ist dann besonders wertvoll, wenn der Redner mit den Worten etwas bewirkt, eine Veränderung einleitet. Kings Rede war ein wesentlicher Schritt in der Bürgerrechtsbewegung der Vereinigten Staaten. Dabei war der Teil der Rede, der die berühmten Worte enthält, gar nicht geplant. Es stand nicht im Manuskript, sondern wurde spontan improvisiert. Zuvor hatte King schon viele gute Momente in seiner Ansprache. Er sprach über den American Dream, über die Unabhängigkeitserklärung und über Abraham Lincoln, vor dessen Denkmal er stand und der selbst eine berühmte Rede, die Gettysburg Adress, gehalten hatte. Der spätere Friedensnobelpreisträger wies nun darauf hin, dass für die Schwarzen – oder wie wir heute sagen würden: People of Color – noch nicht viel erreicht worden sei.

Erinnerung an Martin Luther Kings berühmte Traum-Rede in Washington, Foto: Pixabay

Trotzdem kennen wir heute vor allem den Teil der Rede, der eben mit „I have a dream“ beginnt. Hier wird es nämlich emotional und persönlich. Ein Traum ist etwas anderes als eine Beschreibung von Problemen, etwas anderes als ein Plan. Damit kann man Menschen begeistern. King war dabei authentisch, weil er selbst ein dunkelhäutiger Amerikaner war. Außerdem bringt er etwas sehr Persönliches in die Rede, nämlich das Schicksal seiner eigenen Kinder. Der wohl berühmteste Satz der Rede lautet: „I have a dream that my four little children will one day live in a nation, where they will not be judged by the color of their skin, but by the content of their character.“ Seine vier kleinen Kinder sollen in einer Nation leben, in der sie nach ihrem Charakter und nicht der Hautfarbe beurteilt werden. Das weckt zusätzliche Emotionen. Er nimmt auch nochmal Bezug auf die Unabhängigkeitserklärung und benutzt bekannte rhetorische Stilmittel. So wiederholt er zum Beispiel die Worte „I have a dream“ und später „Let freedom ring“. Mit der Aufforderung, die Freiheit in alle Bundesstaaten zu verbreiten, motiviert er die Zuschauer, die er gerade emotional bewegt hat, zum eigenen Handeln.

Der Sportpalast und Posen

Nicht alle berühmten Redner haben so positive, friedliche Ziele wie Martin Luther King. Deshalb habe ich eingangs auch nicht von guten, sondern großen Reden gesprochen. In manchen Reden geht es um das Böse. Die Sprecher wollen Hass schüren und zur Gewalt aufrufen. Die drastischsten Beispiele aus der Kategorie bieten natürlich die Nationalsozialisten. Als Joseph Goebbels, der in seiner Rolle als Propagandaminister geradezu dafür zuständig war, die Botschaften der braunen Ideologie zu verbreiten, am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast auftrat, blieb vor allem eine Frage hängen: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Zu dieser Zeit kamen die Nazis auf ihrem Weg zur Weltherrschaft nicht weiter, die Schlacht von Stalingrad war gerade ein Rückschlag. Goebbels forderte die Anwesenden zum bedingungslosen Kämpfen auf; mit aller Brutalität wollte er die Gegner besiegen. Statt die Menschen zu vereinigen, spaltete er rhetorisch, indem er das deutsche Volk, das dem „Führer“ folgt, den vermeintlich minderwertigen Feinden gegenüberstellte. Wie brutal die Nazis vorgingen, sprach Heinrich Himmler dann ein halbes Jahr später, nämlich Anfang Oktober 1943, bei seinen Posener Reden aus. Darin versuchte er, den Holocaust zu rechtfertigen.

Von der Befreiung bis zum Mauerfall

Nach dem Krieg fiel es den Deutschen bekanntlich schwer, sich mit dem schlimmsten Kapitel ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Ein wichtiger Schritt war dabei die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 „zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“. Diese Rede zeigt, dass man nicht unbedingt ein prägnantes Zitat braucht, um in die Geschichte einzugehen. Im Mittelpunkt steht der Gedanke der Befreiung. Hier geht es um den Umgang mit einer Katastrophe, um die Verarbeitung schlimmer Ereignisse. Der Bundespräsident verdeutlichte damals, dass es keine Kollektivschuld gebe, aber alle sich darüber bewusst sein müsste, wie es zu den extremen Verbrechen gekommen war, um so etwas künftig zu verhindern.

Viereinhalb Jahre nach von Weizsäckers Ansprache gab es in Deutschland eine ganz andere Art von neuer Freiheit. Der Mauerfall leitete die deutsche Wiedervereinigung ein. Zwei Zitate sind mit dem Mauerfall eng verbunden und ins kollektive Gedächtnis eingegangen. Am 12. Juni 1987 äußerte der damalige US-Präsident Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor eine deutliche Forderung an sein Gegenüber im Ostblock, den sowjetischen Staatschef Michail Sergejewitsch Gorbatschow: „Tear down this wall!“ Manchmal braucht man eben keine lange Rede, sondern nur eine klare Ansage. Vier weitere Wörter kamen aus dem Osten hinzu, und zwar nicht von irgendwelchen Politikern oder Prominenten, sondern von den Menschen auf der Straße. Sie riefen bei den Montagsdemonstrationen: „Wir sind das Volk!“ Damals war dieser Ausruf Teil von friedlichen Demonstrationen.

Solidarität und gemeinsam etwas erreichen

In den 1960er Jahren befand sich die Welt noch mitten im Kalten Krieg und ein Symbol des Konflikts zwischen West und Ost war damals eine Rede, die einer der rhetorisch begabtesten US-Präsidenten ebenfalls in der deutschen Hauptstadt hielt. John F. Kennedy krönte seine Rede am 26. Juni 1963 mit der Aussage „Ich bin ein Berliner.“ Mit diesem auf Deutsch gesprochenen Satz bekannte er sich zu West-Berlin. Er hatte natürlich nie die deutsche Staatsbürgerschaft, aber er verdeutlichte damit das Ziel seiner Worte. Hier ging es um Solidarität und Zusammenhalt. Der Amerikaner unterstützte die Menschen in der Stadt, die kurz zuvor durch die Mauer geteilt worden war.

Kennedy rief die Menschen auf, selbst aktiv zu werden. Foto: CTHOE, Kennedy-Rede-CTH, CC BY-SA 3.0

Viele große Reden handeln davon, das Volk (oder eine andere Gruppe von Menschen) zum gemeinsamen Handeln zu motivieren. Idealerweise wird dabei auch betont, was jeder Einzelne in der Gemeinschaft erreichen kann. Da sind wir nochmal bei Kennedy. Bei seiner Rede zur Amtseinführung am 20. Januar 1961 formulierte er seine Erwartung, dass jeder Mensch selbst aktiv wird. Der zentrale Satz wird bis heute zitiert: „Ask not what your country can do for you — ask what you can do for your country.“ Im nächsten Satz weitet er diese Forderung noch auf die ganze Welt aus.

Daran knüpfte 2008 sein Nachfolger Barack Obama an. „Yes we can“ war sein Motto bereits im Wahlkampf und später als Präsident. Diese drei Wörter brachten seine Reden auf den Punkt: ein positives Ja, ein gemeinschaftliches Wir und das Können. Da wird vieles, was für eine gute Rhetorik wichtig ist, sehr verdichtet. Angela Merkel versuchte es 2015 zu Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise in Europa mit einem ähnlich knappen Satz: „Wir schaffen das“. Doch in ihrem Fall wirkte es wie eine eher schwache Durchhalteparole. Wie wichtig es ist, überzeugend zu argumentieren, die Dinge zu erklären und klare Ansagen zu machen, erleben wir derzeit auch bei der misslungenen Kommunikation in der Covid-19-Pandemie.

Probleme ansprechen und zum Handeln auffordern

Mehr Bewegung im Land forderte Roman Herzog bereits am 26. April 1997 in seiner Berliner Rede, die als Ruck-Rede besser bekannt ist. Denn der damalige Bundespräsident war der Überzeugung, dass ein Ruck durch Deutschland gehen müsse. Mit Blick auf die damals schon aufstrebenden Asiaten sollte sich Deutschland wirtschaftlich und gesellschaftlich modernisieren. Mögliche Reformen sollten auch umgesetzt und nicht politisch zerredet werden. Er erkannte, dass es „kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem“ gebe, und erwartete ein besseres Deutschland im Jahr 2020. Dieses Jahr haben wir nun erreicht und wir könnten die Rede so ähnlich nochmal halten. Denn das Umsetzungsproblem besteht in vielen Fällen weiterhin, zum Beispiel bei der Digitalisierung und beim Kampf gegen den Klimawandel.

Greta Thunberg und ihr Schild zum Klimastreik,
Foto: Anders Hellberg,
Greta Thunberg 4, CC BY-SA 4.0

Letzteres ist auch in der Gegenwart noch eines der größten Probleme der Menschheit. Durch Fridays for Future kam das Problem des Klimawandels so deutlich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wie nie zuvor. Greta Thunberg, die die Bewegung mit ihrem „Skolstrejk för klimatet“ initiierte, trat schon mehrmals vor hochrangigen Politikern auf und sprach sie deutlich auf ihr Versagen an. Besonders intensiv tat die junge Schwedin dies am 23. September 2019 beim UN-Klimagipfel in New York. Im Mittelpunkt ihrer Rede stand die provokante Frage „How dare you?“ Mit dem emotionalen Auftritt prägte sie eine der bekanntesten Reden der Gegenwart.