Lateinische Grammatik: Gerundium und Gerundivum

Diese beiden Formen sind sich zum Verwechseln ähnlich und manch einer kann sie so schwer unterscheiden wie konkav und konvex oder Stalagmit und Stalaktit. Sie sind sich im Latein äußerlich auch ziemlich ähnlich. Aber sie haben unterschiedliche Funktionen, mit denen man sie letztlich doch klar zuordnen kann.

Gerundium

Das Gerundium ist ein substantiviertes Verb. Es verwandelt ein Verb also in das Subjekt oder Objekt eines Satzes. Im Deutschen verwenden wir dazu einfach den Infinitiv (mit großem Anfangsbuchstaben), der entsprechend dekliniert wird. Die englische Entsprechung ist die ing-Form.

Konstruktion

Das lateinische Gerundium wird gebildet, indem man an den Wortstamm (Infinitiv ohne -re) ein -nd- und die entsprechende Endung für den Kasus anhängt. Bei Verben der konsonantischen, gemischten und i-Konjugation wird vor dem -nd- noch ein -e- eingefügt. Das Gerundium wird wie ein Substantiv der o-Deklination im Neutrum behandelt. Allerdings gibt es keine eigene Form für den Nominativ; an dessen Stelle wird – wie im Deutschen – der Infinitiv verwendet. Der Akkusativ findet nur zusammen mit der Präposition ad Verwendung.

 aekons.igem.
Nom.ama-redoce-relege-reaudi-recape-re
Gen.ama-ndidoce-ndileg-endiaudi-endicap-iendi
Dat.ama-ndodoce-ndoleg-endoaudi-endocap-iendo
Akk.(ad) ama-ndum(ad) doce-ndum(ad) leg-endum(ad) audiendum(ad) cap-iendo
Abl.ama-ndodoce-ndoleg-endoaudi-endocap-iendo

Übersetzung

Die Übersetzung hängt vom Kasus des Gerundiums ab, wie folgende Beispiele zeigen.

  • Legere ars beata est. → Lesen ist eine schöne Kunst.
  • Ars legendi beata est. → Die Kunst des Lesens ist schön.
  • Legendo te auxilio. → Ich helfe dir beim Lesen.
  • Librum emit ad legendum. → Er kauft das Buch zum Lesen / um es zu lesen.
  • Legendo callidi sumus. → Durch das Lesen sind wir schlau.

Gerundivum

Das Gerundivum ist formal fast mit dem Gerundium identisch, hat aber eine andere Bedeutung und eine andere Funktion im Satz. Es drückt aus, dass die Handlung des Verbs ausgeführt werden muss.

Konstruktion

Die Formen entsprechen im Wesentlichen denen des Gerundiums. Allerdings hat das Gerundivum eine eigene Form für den Nominativ und eigene Formen für die drei Genera. Es steht immer in KNG-Kongruenz zu seinem Bezugswort. Für das Verb amare ergeben sich beispielsweise folgende Formen.

 maskulinfemininneutrum
Nom. Sg.ama-ndusama-ndaama-ndum
Gen. Sg.ama-ndiama-ndaeama-ndi
Dat. Sg.ama-ndoama-ndaeama-ndo
Akk. Sg.ama-ndumama-ndamama-ndum
Abl. Sg.ama-ndoama-ndaama-ndo
Nom. Pl.ama-ndiama-ndaeama-nda
Gen. Pl.ama-ndorumama-ndarumama-ndorum
Dat. Pl.ama-ndisama-ndisama-ndis
Akk. Pl.ama-ndosama-ndasama-nda
Abl. Pl.ama-ndisama-ndisama-ndis

Häufig bildet das Gerundivum zusammen mit einer Form von esse das Prädikat des Satzes. Das Prädikat sagt in diesem Fall, dass etwas getan werden muss oder – bei einer Verneinung – nicht getan werden darf. Nach Verben wie dare oder committere zeigt das Gerundivum, warum etwas gegeben oder anvertraut wird.

  • Femina amanda est. → Die Frau ist zu lieben / muss geliebt werden.
  • Liber non legendus est. → Das Buch darf nicht gelesen werden.
  • Tibi litteras legendas dat. → Er gibt dir die Briefe zum Lesen.

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