Lateinische Grammatik: AcI und NcI

Accusativus cum Infinitivo (AcI)

Wie der Name schon sagt, besteht der AcI aus einem Substantiv oder Pronomen im Akkusativ und einem Infinitiv. Diese Konstruktion beschreibt eine Handlung, die einem Verb der Wahrnehmung, der Empfindung oder der Meinungsäußerung und einem unpersönlichen Ausdruck untergeordnet ist. Beispiele für solche Verben sind dicere, videre, audire, putare, gaudere; ein unpersönlicher Ausdruck ist constat. Der AcI ersetzt einen Objektsatz. Bei der Übersetzung ins Deutsche wird der AcI deshalb meistens durch einen Nebensatz mit dass ersetzt.

Konstruktion und Übersetzung

Eine vergleichbare Konstruktion gibt es im Deutschen nur bei Verben der Wahrnehmung wie sehen oder hören.

  • Er sieht sie kommen.
  • Ich höre ihn jammern.

In der englischen Sprache ist ein dem AcI ähnlicher Satzbau häufiger und kann auch bei Handlungen des Wollens und bei Kausativsätzen vorkommen.

  • I want you to know.
  • Money makes the world go round.

Sehen Sie sich nun mal folgende Sätze an.

  • Ich sehe ihn am Tisch sitzen.
  • I see him sitting at the table.
  • Video eum ad tabulam sedere.

In allen drei Sprachen folgt der Handlung des Sehens ein Gebilde aus einem Pronomen im Akkusativ (ihn, him, eum) und einem Verb im Infinitiv bzw. der Verlaufsform (sitzen, sitting, sedere). Eine solche parallele Übersetzung ist nur in wenigen Ausnahmen möglich. In den anderen Fällen müssen wir einen Nebensatz bilden.

  • Puellam in urbem venire puto.
  • Ich glaube, dass das Mädchen in die Stadt kommt.

Bei der Übersetzung wird der Akkusativ des AcI also zum Subjekt des Nebensatzes und der Infinitiv zum flektierten Verb des untergeordneten Satzes.

Zeitliche Verhältnisse

Der AcI kann verschiedene Infinitive benutzen (Präsens, Perfekt, Futur). Dabei ist zu beachten, dass die Zeiten des Infinitivs im deutschen Objektsatz nicht einfach übernommen werden. Sie drücken nämlich nur das zeitliche Verhältnisse der beiden Handlungen aus.

  • Infinitiv Präsens → gleichzeitige Handlung
  • Infinitiv Perfekt → vorzeitige Handlung
  • Infinitiv Futur → nachzeitige Handlung

Daraus ergeben sich folgende Kombinationen.

 Tempus des HauptsatzesInfinitiv im AcIZeitliches VerhältnisTempus des Objektsatzes
1PräsensPräsensgleichzeitigPräsens
2PräsensPerfektvorzeitigPerfekt
3PräsensFuturnachzeitigFutur
4ImperfektPräsensgleichzeitigPräsens
5ImperfektPerfektvorzeitigPlusquamperfekt
  1. Patrem redire gaudeo. → Ich freue mich, dass der Vater zurückkehrt.
  2. Patrem redivisse gaudeo. → Ich freue mich, dass der Vater zurückgekehrt ist.
  3. Patrem rediturum esse gaudeo. → Ich freue mich, dass der Vater zurückkehren wird.
  4. Patrem redire speravi. → Ich habe gehofft, dass der Vater zurückkehrt.
  5. Patrem redivisse videbam. → Ich sah, dass der Vater zurückgekehrt war.

Nominativus cum Infinitivo (NcI)

Der NcI ist ähnlich konstruiert wie der AcI. Allerdings steht das Subjekt der untergeordneten Handlung nicht im Akkusativ, sondern im Nominativ. Das übergeordnete Verb erscheint in einer passiven Form und weist in Person und Numerus eine Kongruenz zum Nominativ des NcI auf. Wie beim AcI geht es um Verben des Sagens, des Glaubens oder der Wahrnehmung. Bei der Übersetzung sind neben dem Objektsatz auch Konstruktionen mit sollen oder scheinen möglich.

  • Graeci Troiam expugnavisse traduntur.
    → Es wird überliefert, dass die Griechen Troja erobert haben.
    → Die Griechen sollen [nach der Überlieferung] Troja erobert haben.
  • Vir senex puellam amare videtur.
    → Es scheint, dass der alte Mann das Mädchen liebt.
    → Der alte Mann scheint das Mädchen zu lieben.

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