Ein kleines Wort bedroht den Genitiv

Wer kennt noch den Genitiv? Viele Mitarbeiter beim Fernsehen offensichtlich nicht mehr. Denn der korrekte Gebrauch dieser grammatischen Form wird von einem kleinen Wort bedroht. Dieses kleine Wort heißt „von“.

Mutter Tochter Schatten
Wenn wir hier Sophie und ihre Mutter sehen, sitzt da Sophies Mutter.

Bei Shows und Magazine im Fernsehen werden oft die Eltern oder andere Verwandte einer Person gezeigt, die in der Sendung auftritt. Interessant ist dabei aus sprachlicher Sicht der Blick auf die Bauchbinden. Auf den Bauchbinden steht unter dem jeweiligen Namen „Mutter von Marie“, „Eltern von Maximilian“ (In den Beispielen verwende ich die beliebtesten Vornamen des vergangenen Jahres.) oder Ähnliches. Das betrifft nicht eine, sondern mehrere voneinander unabhängige Sendungen.

In der Schule habe ich andere Regeln gelernt. Demnach bezeichnet man den weiblichen Elternteil des Mädchens als „Sophies Mutter“ und die direkten Vorfahren des Jungen als „Maximilians Eltern“. Vorname + Genitiv-s + Substantiv. Eigentlich ganz einfach, oder? Es ist keinesfalls komplizierter als die Form, die im Fernsehen zu sehen war. Man spart demgegenüber sogar ein Wort; der Ausdruck wird kürzer und passt besser zu einer begrenzten Zeichenzahl wie in der Bauchbinde.

Ausnahmen gelten nur in wenigen Fällen, vor allem wenn es um eine unbestimmte Menge geht. Eine Liste von Vornamen enthält eine unbestimmte Menge dieser sprachlichen Einheiten. Die Liste der zehn beliebtesten Vornamen ist hingegen klar begrenzt. Apropos Zahlwörter: Da greift auch eine Ausnahme, vor allem bei Zahlen, die größer als drei sind, zum Beispiel bei der Mutter von vier Kindern.

Aber woher kommt dann diese sprachliche Schwäche bei den Fernsehmitarbeitern? Sind sie zu schlecht ausgebildet? Haben sie vergessen, was sie in der Schule gelernt haben? Da kann man nur spekulieren. Eine Erklärung, die beim Verfall der deutschen Sprache oft angeführt wird, scheidet in diesem Fall allerdings aus. An der Verbreitung der englischen Sprache, also einem grammatischen Anglizismus kann es nicht liegen. Die Englischsprecher benutzen zwar meistens statt des Genitivs eine Konstruktion mit „of“, also beispielsweise „the colour of love“, aber gerade beim possessiven Genitiv, also bei Personen verwenden sie eine ähnliche Konstruktionen wie wir in der deutschen Sprache: „Mary’s mother“, „Peter’s parents“. Deshalb bezeichnet man diese Form übrigens auch als sächsischen Genitiv.

Umgangssprachlich und in Dialekten sind natürlich jederzeit viele Varianten möglich. In meiner Heimat kennen wir als Eigenart des kölschen Dialekts beispielsweise den Wemsing-Genitiv (Ich spare mir an dieser Stelle eine Erklärung und verweise auf den verlinkten Artikel.). Aber Mitarbeiter von deutschlandweit ausgestrahlten TV-Sendungen sollten sich sprachlich schon an die allgemeinen Regeln der deutschen Sprache halten. Vielleicht erinnern wir uns einfach auch mal an die Zeiten, in denen wir Grimms Märchen oder „Des Kaisers neue Kleider“ gelesen haben.

Dieser Artikel erschien in ähnlicher Form schon mal in meinem früheren Blog.