Ad maiora – Latein ist nicht tot

Bei Spiegel online, genauer auf dessen Junge-Leute-Website Bento, ist gerade ein Pro und Contra zu Latein in der Gegenwart zu lesen. Ein Professor behauptet, Latein sei tot und bringe heutzutage keinen Vorteil mehr. Eine Studentin hält dagegen. Ich schließe mich der jungen Frau an und möchte ihre Ausführungen noch erweitern.

Ich habe selbst in der Schule Latein gelernt und Erfahrungen als Nachhilfelehrer mit dieser Sprache gesammelt. Daher liefere ich nun mal ein paar Argumente, warum die Beschäftigung mit Latein bis heute Vorteile bringt, sogar bei ganz modernen Themen.

Es lohnt sich, Latein zu lernen. Bild: The Young Cicero Reading

Sprachen und Fachbegriffe lernen

Ein offensichtlicher Grund ist, dass man mit Lateinkenntnissen vor allem die romanischen Sprachen (Französisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch), die davon abstammen, gut lernen kann, aber auch andere Fremdsprache. Das sprachliche Erbe der alten Römer wirkt auch in Fremdwörtern, Redewendungen und Fachbegriffen nach. Deutlich wird das zum Beispiel direkt beim Lernen grammatischer Begriffe. Nominativ von nomen (der Name von jemandem oder etwas), Genitiv von genus (zu welchem Stamm/Volk gehört es), Dativ von dare (geben, wem gebe ich etwas?), Akkusativ von accusare (anklagen, wen klage ich an?), Aktiv von agere (handeln), Passiv von pati (dulden, erleiden) usw. Ähnlich sieht es z.B. mit mathematischen Begriffen aus: plus ist mehr, minus ist weniger, dividieren kommt von dividere (teilen).

Strukturiertes Denken

Das Latein-Lernen fördert auch das systematische, strukturierte Denken. Schüler fühlen sich von den vielen Konjugationen und Deklinationen zunächst erschlagen. Doch wenn man ihnen die Formen übersichtlich aufbereitet in einer Tabelle zeigt, kommt schnell der Aha-Effekt und man erkennt Regelmäßigkeiten. Wer schon mal einen etwas komplexeren lateinischen Satz auseinandergenommen hat (Wo ist das Verb des Hauptsatzes? Was sagt uns das über die anderen Satzglieder?), entwickelt detektivischen Spürsinn und ein Gefühl für logische Schlussfolgerungen.

Literatur und Geschichte

In der lateinischen Literatur wird man mit allen menschlichen Themen konfrontiert. Man erkennt, dass Liebe, Beziehungsprobleme, Sieg und Niederlage u.ä. uralt sind. Außerdem lernt man all die Gestalten aus den Sagen von Ödipus mit seinem Komplex bis Tantalus mit seinen Qualen ebenso kennen wie all die realen Römer von Caesar bis Cicero. Man erhält Geschichtsunterricht als Bonus. So erfährt man etwas über Caesars gallischen Krieg, die Varusschlacht oder Städte von Rom über Trier bis Köln. Viva Colonia! Was heute Trumps Mauer ist, war damals der Limes.

Rede- und Gedächtniskunst

Auch beim sprachlichen Ausdrucksvermögen kann Latein helfen. Man setzt sich mit Haupt- und Nebensätzen und anderen Strukturen auseinander. So sieht man, dass es komplexer geht als in den wenigen Zeichen eines Tweets. Cicero bringt uns die Redekunst näher. Einen überzeugenden Vortrag zu halten, schadet auch im modernen Berufsleben nicht. Die aus der Antike stammende Loci-Methode ist bis heute bei Gedächtniskünstlern beliebt.

Digitalisierung und Migration

Zwei große Themen der Gegenwart sind die Digitalisierung und die Migration. Auch darin steckt Latein. Wusstet ihr, dass die digitale Welt etwas mit Fingern zu tun hat? Da man anfangs mit den Fingern rechnete (lateinisch digitus = Finger), entstand daraus mit dem Zwischenschritt über das englische digit für Ziffer der Begriff „digital“. Der Computer als Rechner kommt übrigens vom lateinischen computare. Migranten sind keine Gefahr, sondern einfach (Aus)Wanderer, denn der Begriff geht auf migrare zurück.

Latein lebt! Also keine Angst vor dieser Sprache! Denn wie heißt es so schön: Per aspera ad astra.